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Mein schönstes Hufschuherlebnis

Mein schönstes Hufschmiederlebnis

Mein schönstes Hufschmiederlebnis

Vor ca. 8 Jahren entschied ich mich, mein Pferd aus der Boxenhaft zu entlassen und in die Offenstallhaltung zu überführen.
Dies bedurfte der Anschaffung eines Gesellschaftstieres, und ein (un-)williges
Opfer war schnell gefunden in Form eines 'charakterstarken' Shetlandpony-Wallachs,
wobei der Begriff 'Charakterstark' in unserem Fall für 'unerzogen' und 'unflätig'steht.

Dieser, damals ca. 7 Jahre alte, ca. 110 cm große, völlig manierenfreie Fuchs
ohne jegliche Umgangsformen hielt bei uns Einzug und war fortan selbstverständlich
auch huftechnisch zu betreuen. Der damals einzig verfügbare Hufschmied, der überhaupt
willens war, neue Kundschaft anzunehmen, betrachtete es offensichtlich als unter
seiner Würde, einen 'Rasenmäher' unter der sonst so elitären Kundschaft zu haben,
und nachdem mein Reitpferd zünftig mit schlecht sitzenden Eisen beschlagen und
dabei kräftig verhauen worden war, machte er sich an´s Werk, mein Shetty so
gründlich auszuschneiden, dass der Kleine auf dem Rückweg vom Beschlagplatz
zum Stall, ca. 500 Meter, eine Pflasterrehe entwickelte, die sich gewaschen
hatte.
Am Folgetag war er so klamm, dass die kleinste Bewegung unendliche Qualen
in dem kleinen Gesicht erkennen ließ.

Zunächst verordnete Medikamente blieben praktisch wirkungslos, und erst hochdosiertes
Phenylbutazon weckte wieder die Lebensgeister. In der Folgezeit ereilten uns
regelmäßig Reheschübe. Sobald sich das Pony „brav“ benahm, konnte man mit Gewissheit
davon ausgehen, dass dieser Zustand pathologischer Natur und ein Reheschub im
Anzug war. Eine Nutzung als Kutschpony war komplett undenkbar, da längere Ausflüge,
und sei es nur als Handpferd, infolge harter Böden die geschädigten Hufe zu sehr
belasteten.
Also musste ein Hufschutz her, vorzugsweise ein Hufschuh.

Das von mir nach umfassender Studie einschlägiger Literatur bevorzugte Modell,
der Swiss Horse Boot, passte in der kleinsten Größe auch dann nicht, wenn das
Pony 2 Paar Tennissocken übereinander im Schuh trug, und so wurde in einer Fachzeitschrift
ein Fachmann aufgetan, der nach stundenlanger Anreise (die am Ende teurer war
als die Hufschuhe selbst) meinem Pony Easyboots verpasste. Diese haben sich beim
Einsatz als Handpferd schnell bewährt, und mit ein bisschen Übung war das An-
und Ausziehen auch ein Kinderspiel
. Die Reheschübe wurden seltener, verschwanden
jedoch nicht ganz, da der hinlänglich vorgeschädigte Huf natürlich nun auch auf
das kleinste Hälmchen Gras reagierte, dass das Pony zu sich nahm.

Durch Zufall geriet ich aufgrund zahlreicher Empfehlungen aus dem Bekanntenkreis
an Günther Weissenborn und konnte mein Glück kaum fassen, als dieser sich bereit
erklärte, mein Pferd und mein Pony fortan zu betreuen.
Damit hatten wir jemanden gefunden, dessen Job nicht mit Abschluss des Kronrandes
endet, sondern der das Tier in seiner Gesamtheit und Individualität sieht
.
Eine Tatsache, die ich, nachdem ich den Schreck über die deutlichen Worte zum
ersten Eindruck verdaut hatte ('die sind zu FETT'), überaus erfreulich fand.
Fortan wurden die Hufe so bearbeitet, wie es für ein Barfußlaufen erforderlich
war, und nicht einfach blank rasiert, als würde ein Eisen aufgebrannt werden,
bloß eben ohne Eisen
.

Das Reitpferd erhielt Marquis Hufschuhe, das Pony behielt seine Easyboots, die
auch nach all den Jahren noch passen wie angegossen.
Irgendwann entschied sich ein Zwergeselchen dafür, fortan aus unserem Stall heraus
die Orts- und Nachbargemeinden mit lieblichen Gesängen zu erfreuen. Huftechnisch
gesehen ein weiterer 'Pflegefall', im wahrsten Sinne des Wortes.
Der Vorbesitzer hatte sich darauf beschränkt, den kleinen Kerl einmal im Jahr
(!) auf´s Kreuz zu werfen und von einem ungeschulten und unkundigen Menschen
einfach den Teil Horn entfernen zu lassen, von dem man glaubt, dass er überflüssig
ist. Das Ergebnis war entsprechend und Günter Weissenborn musste bei der ersten
Inaugenscheinnahme zugeben, dass meine Schilderungen nicht übertrieben gewesen
waren. Die Sohlen hatten sich bereits unter einer endlos langen Zehe nach außen
gewölbt, und das Eselchen 'rollte' mehr als das es ging.

Und obwohl er in seinem Eselleben bislang ausschließlich katastrophale Erfahrungen
im Zusammenhang mit der Hufpflege gemacht hat, ist er inzwischen durch den einfühlsamen
Einsatz von Feile
und Hufmesser nur noch bedingt aus der Ruhe zu bringen.

Im Dezember vorletzten Jahres entwickelte mein Pony ohne große Vorankündigung
und völlig außerhalb der Weidegras-Zeit einen neuerlichen Reheschub, der untypisch
verlief und deshalb zunächst nicht als solcher vom Tierarzt diagnostiziert wurde.
Eine Behandlung erfolgte zunächst auf Muskelschaden im Rücken, da der Kleine
die komplette Hinterhand nicht bewegen konnte. Die typische Rehe-Haltung (Sägebockstellung)
hatte er zuvor bei keinem der Schübe gezeigt, und ein Pulsieren der Mittelfußarterie
war seit der ersten, großen Pflasterrehe zu jeder Zeit deutlich feststellbar,
so dass die Rehe-Diagnose nicht unbedingt offensichtlich war. Ein paar Tage vor
Weihnachten war das Pony nicht mal mehr in der Lage aufzustehen, geschweige denn
zu fressen, und so wurde der Tierarzt verständigt, um das Leiden zu beenden
.

Irgendwie hatte der Kleine allerdings wohl Lunte gerochen, vielleicht kannte
er auch die Telefonnummer des Abdeckers, die der Tierarzt bereitwillig übermittelt
hatte, und er entschied sich, zur Überraschung aller, sich vom Sterbebett zu
erheben und sich halbwegs normal zu geben. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass
er sich noch nicht aufgegeben hatte. Unter diesen Umständen wurde die Aktion 'Einschläfern' selbstverständlich
sofort abgebrochen und zunächst verschoben, da man abwarten wolle, was die Nacht
bringen und wie der nächste Tag aussehen würden.

Da nichts unversucht gelassen werden sollte, telefonierte ich mit Günter Weissenborn,
der sofort, ohne das Pony zu sehen, davon überzeugt war, dass es sich um einen
besonders schlimmen Reheschub handelte
. Er kannte mein Pony inzwischen besser
als der Tierarzt und ließ sich auch von dessen anderslautender Diagnose nicht
von Hufrehe abbringen
. Günter sagte zu, sofort zu kommen, wenn eine Sofortmaßnahme,
die ich unmittelbar ergreifen sollte, keinen Erfolg zeigen würde.
Er schickte mich in einen Baumarkt, um 'Trittschalldämmung' und Panzerklebeband
zu besorgen, und damit dem Pony unter die Vorderfüße Keile zu kleben, die die
Zehe entlasten sollten. Ich hielt die Aktion für ebenso sinnlos wie bekloppt,
trottete aber selbstredend unverzüglich los, um die geforderten Gegenstände,
von deren Existenz ich bislang nicht mal die leiseste Ahnung gehabt hatte, anzuschaffen
und exakt nach Günter´s Anleitung verpasste ich dem staunenden Pony die Heilung
versprechenden Pumps
. Um so erstaunter war ich, dass mich das Pony am Tag 1 nach
Anlegen der 'Stöckelschuhe' freudig wiehernd begrüßte und durch den Auslauf trabte....
Lange Rede, kurzer Sinn: das Pony erhielt etwa eine Woche nach Abklingen der
extremen Beschwerden einen Kunststoffbeschlag vorne, da im Winter bei matschigem
Auslauf die Klebeband-Lösung nur provisorisch sein konnte.


Nach etwa 8 Wochen wurde der Kunststoffbeschlag abgenommen, das Pony lief ohne
irgendwelche Probleme glasklar durch die Gegend, und seither ist es noch genau
einmal vorgekommen, dass ich den Eindruck hatte, dass eine Rehe im Anmarsch ist.

Die Hufschuhe wurden, leicht gepolstert im Sohlenbereich, angelegt und nach
drei Tagen war der Spuk vorbei. Aus organisatorischen Gründen sind Pony, Pferd
und Esel derzeit vom heimischen Offenstall in die Auslaufhaltung einer liebevollen
Familie umgezogen, wo sie mit einer Vielzahl anderer Tiere auf überwiegend hartem
Boden gehalten werden. Für das Pony ist fettes Gras inzwischen tabu, und insgesamt
hat sich sein Gesundheitszustand so extrem stabilisiert, dass er künftig seiner
ursprünglichen Aufgabe, eine kleine Kutsche zu ziehen, mit Begeisterung wird
nachkommen können.

Inzwischen ist sein ausgeglichenes Wesen kein Anzeichen mehr für eine drohende
Krankheit, sondern pures Wohlbefinden, und die frühere Grantigkeit bricht nur
noch manchmal durch, wenn er von Schafen oder Ziegen genervt wird oder er diese
aus reinem Übermut triezt...

Für meine drei gilt in Sachen Hufe seit nunmehr mindestens 6 Jahren und hoffentlich
für den Rest unserer gemeinsamen Zeit:

Günter – sonst nix!



Bericht vom 20.08.2006

Aktualisiert (Montag, 27. Juli 2009 um 13:23)

 
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